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Die Gänsemagd (1857)Es lebte einmal eine alte Königin, der war ihr Gemahl schon lange Jahre gestorben, und sie hatte eine schöne Tochter. Wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld an einen Königssohn versprochen. Als nun die Zeit kam, wo sie vermählt werden sollten und das Kind in das fremde Reich abreisen mußte, packte ihr die Alte gar viel köstliches Gerät und Geschmeide ein, Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was nur zu einem königlichen Brautschatz gehörte, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten und die Braut in die Hände des Bräutigams überliefern sollte, und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hieß Falada und konnte sprechen. Wie nun die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mutter in ihre Schlafkammer, nahm ein Messerlein und schnitt damit in ihre Finger, daß sie bluteten: darauf hielt sie ein weißes Läppchen unter und ließ drei Tropfen Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach "liebes Kind, verwahre sie wohl, sie werden dir unterwegs not tun." Also nahmen beide voneinander
betrübten Abschied: das Läppchen steckte die Königstochter
in ihren Busen vor sich, setzte sich aufs Pferd und zog nun fort zu ihrem
Bräutigam.
"Wenn das deine Mutter
wüßte,
Aber die Königsbraut
war demütig, sagte nichts und stieg wieder zu Pferde. So ritten sie
etliche Meilen weiter fort, aber der Tag war warm, die Sonne stach, und
sie durstete bald von neuem. Da sie nun an einen Wasserfluß kamen,
rief sie noch einmal ihrer Kammerjungfer "steig ab und gib mir aus meinem
Goldbecher zu trinken," denn sie hatte aller bösen Worte längst
vergessen.
"Wenn das deine Mutter
wüßte,
Und wie sie so trank und
sich recht überlehnte, fiel ihr das Läppchen, worin die drei
Tropfen waren, aus dem Busen und floß mit dem Wasser fort, ohne daß
sie es in ihrer großen Angst merkte. Die Kammerjungfer hatte aber
zugesehen und freute sich, daß sie Gewalt über die Braut bekäme:
denn damit, daß dies e die Blutstropfen verloren hatte, war sie schwach
und machtlos geworden.
Die Kammerfrau stieg nun
auf Falada und die wahre Braut auf das schlechte Roß, und so zogen
sie weiter, bis sie endlich in dem königlichen Schloß eintrafen.
Da war große Freude über ihre Ankunft, und der Königssohn
sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau vom Pferde und meinte, sie wäre
seine Gemahlin: sie ward die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter
aber mußte unten stehen bleiben. Da schaute der alte König am
Fenster und sah sie im Hof halten und sah, wie sie fein war, zart und gar
schön: ging alsbald hin ins königliche Gemach und fragte die
Braut nach der, die sie bei sich hätte und da unten im Hofe stände,
und wer sie wäre. "Die hab ich mir unterwegs mitgenommen zur Gesellschafe;
gebe der Magd was zu arbeiten, daß sie nicht müßig stehe."
Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie und wußte
nichts, als daß er sagte "da hab ich so einen kleinen Jungen, der
hütet die Gänse, dem mag sie helfen." Der Junge hieß K
ürdchen (Konrädchen), dem mußte die wahre Braut helfen
Gänse hüten. Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen
König "liebster Gemahl, ich bitte Euch, tut mir einen Gefallen."
Nun war das so weit geraten, daß es geschehen und der treue Falada sterben sollte, da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohr, und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollet, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein großes finsteres Tor, wo sie abends und morgens mit den Gänsen durch mußte, "unter das finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, daß sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte." Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn unter das finstere Tor fest. Des Morgens früh,
da sie und Kürdchen unterm Tor hinaustrieben, sprach sie im Vorbeigehen
"Weh, weh, Windchen,
Und da kam ein so starker
Wind, daß er dem Kürdchen sein Hütchen wegwehte über
alle Land, und es mußte ihm nachlaufen. Bis es wiederkam, war sie
mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und er konnte keine Haare kriegen.
Da war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten
sie die Gänse, bis daß es Abend ward, dann gingen sie nach Haus.
"O du Falada, da du hangest,"
"O du Jungfer Königin,
da du gangest,
Und in dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese und fing an ihr Haar auszukämmen, und Kürdchen lief und wollte danach greifen, da sprach sie schnell "Weh, weh, Windchen,
Da wehte der Wind und
wehte ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, daß Kürdchen nachlaufen
mußte; und als es wiederkam, hatte sie längst ihr Haar zurecht,
und es konnte keins davon erwischen; und so hüteten sie die Gänse,
bis es Abend ward.
Da befahl ihm der alte
König zu erzählen, wies ihm denn mit ihr ginge.
"O du Falada, da du hangest,
"
"O du Jungfer Königin,
da du gangest,
Und so erzählte Kürdchen
weiter, was auf der Gänsewiese geschähe, und wie es da dem Hut
im Winde nachlaufen müßte.
"Weh, weh, Windchen,
Da kam ein Windstoß und fuhr mit Kürdchens Hut weg, daß es weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte und flocht ihre Locken still fort, welches der alte König alles beobachtete. Darauf ging er unbemerkt zurück, und als abends die Gänsemagd heim kam, rief er sie beiseite und fragte, warum sie dem allem so täte. "Das darf ich Euch nicht sagen, und darf auch keinem Menschen mein Leid klagen, denn so hab ich mich unter freiem Himmel verschworen, weil ich sonst um mein Leben gekommen wäre." Er drang in sie und ließ ihr keinen Frieden, aber er konnte nichts aus ihr herausbringen. Da sprach er "wenn du mirs nicht sagen willst, so klag dem Eisenofen da dein Leid," und ging fort. Da kroch sie in den Eisenofen, fing an zu jammern und zu weinen, schüttete ihr Herz aus und sprach "da sitze ich nun von aller Welt verlassen, und bin doch eine Königstochter, und eine falsche Kammerjungfer hat mich mit Gewalt dahingebracht, daß ich meine königlichen Kleider habe ablegen müssen, und hat meinen Platz bei meinem Bräutigam eingenommen, und ich muß als Gänsemagd gemeine Dienste tun. Wenn das meine Mutter wüßte, das Herz im Leib tät ihr zerspringen." Der alte König stand aber außen an der Ofenröhre, lauerte ihr zu und hörte, was sie sprach. Da kam er wieder herein und hieß sie aus dem Ofen gehen. Da wurden ihr königliche Kleider angetan, und es schien ein Wunder, wie sie so schön war. Der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm, daß er die falsche Braut hätte: die wäre bloß ein Kammermädchen, die wahre aber stände hier, als die gewesene Gänsemagd. Der junge König war herzensfroh, als er ihre Schönheit und Tugend erblickte, und ein großes Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und guten Freunde gebeten wurden. Obenan saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kammerjungfer zur andern, aber die Kammerjungfer war verblendet und erkannte jene nicht mehr in dem glänzenden Schmuck. Als sie nun gegessen und getrunken hatten und gutes Muts waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf, was eine solche wert wäre, die den Herrn so und so betrogen hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf und fragte "welches Urteils ist diese würdig?" Da sprach die falsche
Braut "die ist nichts Besseres wert, als daß sie splitternackt ausgezogen
und in ein Faß gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln
beschlagen ist: und zwei weiße Pferde müssen vorgespannt werden,
die sie Gasse auf, Gasse ab zu Tode schleifen."
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